Wissenschaftliche Grundlagen
Wer über die schwäbische Sprache redet oder schreibt, sollte Auskunft geben über die Herkunft seiner Erkenntnisse und Behauptungen. Diese Selbstreflxion ist für diese Homepage verpflichtend.
Hinzu kommt: Wer in der heutigen Zeit noch Forschungen zur schwäbischen Sprache betreiben will, muss sich sehr stark beeilen. Die älteren Jahrgänge, die ein noch relativ unverfälschtes, grammatikalisch und lautlich hoch differenziertes Schwäbisch sprechen, sind bald nicht mehr am Leben.
Die wissenschaflichen Grundlagen dieser Homepage
Diese Homepage beruht auf einer sehr großen Zahl von Aufzeichnungen über den alltäglichen Sprachgebrauch grundmundartlich sozialisierter Sprecher/innen. Nur was beiläufig mitgehört und nicht gezielt erfragt worden sind, ist unverfälscht. Warum? Gezieltes Abfragen führt oft zu Antworten in einer anderen Sprachebene, die die Gefragten für die "bessere" halten. Das aber ist nicht mehr das rein grundmundartliche Schwäbisch, in dem die schwäbischen Sprecher/innen im Alltag miteinander kommunizieren.
Dazu kommt ein umfangreiches Studium der schwäbischen Mundartliteratur von ihren Anfängen an. Absolut wichtig ist dabei, zu ergründen, welche Sprechung hinter der Schreibung des jeweiligen Autors zum Vorschein kommt.
Die grammatikalischen Eigenschaften der schwäbischen Sprache wurden mit den universitären Standardwerken des Althochdeutschen und des Mittelhochdeutschen abgeglichen.
Wissenschaftlich ungeeignet
Die jüngeren Jahrgänge ab etwa 1960 sprechen, als Folge der pädagogisch und staatlich forcierten Umsprachung auf Neudeutsch, nur noch ein zerstörtes Restschwäbisch. Dieses taugt nicht mehr als Grundlage für wissenschaftliche Studien über die schwäbische Sprache - allenfalls dafür, wie weit deren Zerstörung schon fortgeschritten ist.
Ebenfalls nicht für wissenschaftliche Forschung eignen sich die zahlreichen neuen Mundartbücher seit der Jahrtausendwende. Deren Autoren und Autorinnen lassen keinerlei Reflektion über Sprechung und Schreibung erkennen. Grammatikalische und phonetische Kenntnisse sind bei ihnen Fehlanzeige. Es geht ihnen nicht um sprachliche Genauigkeit, sondern um Belustigung der Leserinnen und Leser. Ihre Schreibung ist meist eine Katastrofe. So ist es fast die Regel, dass ein und dasselbe Wort nur eine Seite später anders geschrieben wird. Lesen diese Autoren ihre Werke vor dem Druck eigentlich noch mal selbstkritisch durch?
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Nachfolgend vier Gesichtspunkte zu den Kriterien im Detail
1. Im Alltagsgespräch ungefragt gehörtes Schwäbisch älterer Personen ist authentisch
Ich nehme nur solche Formulierungen auf, die ich in einem Alltagsgespräch unter alteingesessenen Schwaben beiläufig mitgehört habe und nicht erfragt habe. Dieses beiläufig mitgehörte Alltagsschwäbisch ist authentisch. Hier lassen sich Aussprache, Wortschatz und Grammatik klar erkennen.
Gezielt erfragtes Schwäbisch weicht oft von dem im Alltag gesprochenen Schwäbisch ab und zeigt hochdeutschen Einfluss. Warum? Werden Schwaben direkt befragt, antworten sie in der Regel in einer Art Mikrofonschwäbisch. Sie neigen unbewusst dazu, eine solche Sprachebene zu wählen, die sich dem/der auf hochdeutsch Fragenden ein Stück weit annähert. In der Physik ist dies als Subjekt-Objekt-Problem bekannt. Die fragende Subjektsperson hat mit ihrer Sprachebene ungewollt Auswirkungen auf die Antworten der befragten Objektsperson. Ein Beispiel: Der Befragte hat zunächst mit "mir hend" erzählt. Nach einer Zwischenfrage des Interviewers fährt er mit "mir habet" fort. Warum? Weil der Interviewer auf Hochdeutsch zwischengefragt hat: "Wie haben Sie ...?"
Insbesondere auch kommunale Angestellte neigen zu einer Art Beamtenschwäbisch, wenn man sie über die örtliche Mundart befragt. Der nicht erfragte, sondern beiläufig mitgehörte tatsächliche Sprachgebrauch ihrer alteingesessenen schwäbischen Bürger/innen auf der Straße, unter Verwandten oder am Stammtisch ergab nach meinen Erfahrungen fast immer ein ganz anderes Bild.
2. Die klassische schwäbische Mundartliteratur muss herangezogen werden
Ich nehme bewusst Bezug nur auf solche Autoren, die sich eine durchdachte Darstellung ihrer Mundart zum Ziel gesetzt haben und vor dem Schreiben reflektiert haben. Zu diesen gehören zum Beispiel Michael Buck, Karl Hötzer, Fritz Holder, Matthias Koch, August Lämmle, Wilhelm König, Rudolf Paul, Friedrich E. Vogt, Carl und Richard Weitbrecht. Die meisten dieser Autoren geben zudem an, wie sich bei ihnen Aussprache und Verschriftlichung zueinander verhalten. Derartige Hinweise sind ein Kennzeichen gut reflektierter Autorenschaft.
3. Hermann Fischers "Schwäbisches Wörterbuch" ist maßgeblicher Prüfestein
Das 7-bändige Schwäbische Wörterbuch von Hermann Fischer dient in allen Zweifelsfällen als kritischer Prüfstein für die Frage, was genuines Schwäbisch ist. Es steht in meinem Bücherregal. Ganz wichtig: Es bietet das Schwäbische auf dem Stand vor der heutigen Verneuhochdeutschifizierung.
Beachtet werden muss aber: Fischer stellt alle Sprachregionen des ehemaligen Königreichs Württemberg dar. Sein Wörterbuch enthält deshalb nicht nur Schwäbisch, sondern auch Fränkisch. Herrmann Fischer listet seine Belege nach Oberämtern auf. Da er seine Aufstellungen von Norden nach Süden ordnet, stehen die Wortformen aus den württembergisch-fränkischen (!) Oberämtern am Anfang; danach erst folgen die Wortformen aus den württembergisch-schwäbischen Oberämtern. Diejenigen Wortformen, die aus den fränkischen Oberämtern Württembergs stammen, müssen aber für´s Schwäbische außen vor bleiben!
4. Die schwäbische Sprache muss von ihrer Herkunft her verstanden werden
Die schwäbische Sprache ist eine Nachfolgesprache des Altoberdeutschen (ca. 750 - 1050 n. Chr.), ebenso wie die bairisch-österreichische und die alemannische Sprache. Die Ausformung und Grammatik des heutigen Schwäbischen lässt sich vom Altoberdeutschen her klar und präzise belegen. Das heutige so genannte Neuhochdeutsche dagegen hat mit dem Schwäbischen wenig zu tun; es ist eine Nachfolgesprache des Altmitteldeutschen (ca. 750 - 1050 n. Chr.), und stammt schwerpunktmäßig aus dessen östlichem Bereich. Dort lebte und wirkte zum Beispiel auch Dr. Martin Luther.
Die schwäbische Sprache ist kein (!) degeneriertes Hochdeutsch. Jedweder Vergleich des Schwäbischen mit dem Hochdeutschen nach dem Motto: "Was hat das Schwäbische am Hochdeutschen verändert?" ist wissenschaftlicher Quatsch. Denn das heutige Schwäbische hat seine Form spätestens um 1450 n. Chr. angenommen, lange vor dem Hochdeutschen. Dieses ist erst ab 1650 n. Chr. ausgeformt worden, also nach dem Schwäbischen, und zudem in einer ganz anderen Ecke des deutschen Sprachraums.
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